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Das Spiel des Lebens
Datum:
02.07.2026
Autor:
P. Karl Schauer OSB

Der Mensch lebt nicht nur im Augenblick, sondern im Gestern, Heute und Morgen, aus der Vergangenheit und auf Zukunft hin. Wer nur den Augenblick lebt, versäumt das Wesentliche, wer nur in der Vergangenheit lebt, krallt sich an Erinnerungen fest und pflegt Nostalgie und wer in die Zukunft flüchtet, baut an einer utopischen Welt.

Solche Fluchterscheinungen des Lebens haben sich zu allen Zeiten wiederholt, gesellschaftlich, kulturell, politisch, religiös, auch kirchlich. „Modern“ heißt nicht, dass ich mich den Herausforderungen der Gegenwart stelle oder dass ich im Heute längst angekommen bin. Abgesehen davon, dass wir derzeit nicht in der Moderne leben, verwechseln viele das, was momentan „in“ ist, mit modern. Ob die technischen Errungenschaften, die virtuellen Welten, die Künstliche Intelligenz, die nicht mit Vernunft ausgestattet ist, diese Welt voranbringen werden oder uns Menschen zu Handlangern und Ausgelieferten machen wird, wissen wir noch nicht. Jedenfalls, wer die Vergangenheit leugnet und überspielt, den holt sie auf Umwegen wieder ein. Wer die Zukunft verdrängt und tut, als würde alles Künftige von uns allein abhängen, verdrängt Gott, weil er die Zukunft ist, Leben, das nie endet. Dieses ist letztlich nicht planbar, man kann es nicht basteln und nicht einfrieren. Und wer aus der Gegenwart mit allem Lichten und Dunklem flüchtet, irrt. Sie sind auf der Flucht vor dem Leben, der Welt, den vielen offenen Fragen, dem Unsicheren und dem Gewagten.
 

Manches läuft so, dass ich beunruhigt frage, ob wir eine Generation ohne Morgen sind. Auf wen ist Verlass? Wer baut Zukunft? Trump, Putin und ihre Handlanger, Thiel, Musk und ihre Bewunderer, die Billionäre und Milliardäre, jene die ihr Geschäft mit ihren Täuschungen und Blendwerken vorantreiben? Ob die Zukunft nicht eher in den Händen der Mütter und Väter, der Großeltern und der Kinder und jungen Menschen liegt, die unaufgebläht, aber ehrlich das Leben schreiben? Wahrscheinlich werden wir es uns auch in Zukunft nicht „leisten“ können, Kinder als Störfaktor für berufliche Karrieren zu sehen; Alte in Heime unterzubringen und sie pflegen zu lassen, so lange das Geld reicht; Kinder und Jugendliche von Erziehern und Lehrern versorgen zu lassen; Behinderte aus der Gesellschaft auszuklammern und andere auf der Strecke zu lassen.

Das Leben ist zu vielfältig, zu aufregend und zu anspruchsvoll, um es auf so billige Vorgaben reduzieren zu können. Wer Kinder bekommt, beginnt vielleicht wieder zu beten, nicht weil Theologen und Priester dazu überzeugt hätten, sondern weil ein neugeborenes Gesicht Fragen aufwirft, auf die der säkulare Konsumkanon keine Antwort kennt. Wer mit den Alten lebt, lernt von ihrer Weisheit, von den Tiefen und Höhen ihres Lebens und erkennt, dass Leben eine große Herausforderung ist. Wer das Leidvolle des Lebens und seine Widersprüche nicht verdrängt, erfährt, dass Leben auch ein Risko und eine große Aufgabe bleibt.
 

Gott und das Leben gehören zusammen. Jürgen Habermas, einer der größten zeitgenössischen Philosophen, einer, der mit Gott immer gerungen hat, gab zu erkennen, dass es nicht damit getan ist, Gott abzuschaffen und vom Leben auszuschließen. Das Leben ohne ihn wird nicht schöner und ehrlicher. Die Gottesfrage ist keine private Geschmacksfrage, kein Nostalgieprojekt, keine Utopie und kein Zukunftsschwindel. Gott und der Mensch schreiben Geschichte, Vergangenes, Zukünftiges und Aktuelles. Sie sind miteinander im Spiel, bei dem es keine Verlierer und keine Gewinner gibt.

 

 

Foto: Pixabay